Familie, Gesellschaft

Deutschland, ein kinderfeindliches Land? (Rezension)

Buchcover „Nathalie Klüver: Deutschland, ein kinderfeindliches Land?“ (Kösel-Verlag)


Nathalie Klüver ist Journalistin, Autorin und alleinerziehende Mutter dreier Kinder. Und sie ist offensichtlich ziemlich wütend. Gerade ist ihr Buch „Deutschland, ein kinderfeindliches Land?“ erschienen. Wie kann es sein, dass mitten in Deutschland Kinder in Armut aufwachsen?, fragt sie darin. Dass ihre Eltern nicht das Geld aufbringen können, um sie an Klassenfahrten teilnehmen zu lassen oder ihnen eine regelmäßige warme Mahlzeit zu finanzieren? Wie kann es sein, dass Spielplätze Mittagsruhe verordnen und Hotels erfolgreich damit werben, nur Erwachsenen den Zutritt zu gestatten? Warum gelten Kinder im Beruf noch viel zu oft als Hindernis und sollen auch sonst möglichst unsichtbar und unhörbar bleiben? Kinder sind die Zukunft unserer Gesellschaft – warum werden sie in Deutschland dennoch allzu oft behandelt, als gehe uns ihr Wohl nichts an?

So kinderfeindlich ist unsere Gesellschaft

Klüver spricht in ihrem Buch Klartext und zeigt: Eltern – und damit ihren Kindern – fehlt im Alltag in vielerlei Hinsicht Unterstützung. Stadtplanung, Familienpolitik, Arbeitsrecht, Steuer- und Rentenrecht sind keineswegs auf die Jüngsten ausgerichtet, sondern orientieren sich an wirtschaftlichen Interessen und oft überkommenen Vorstellungen traditioneller Paar- und Familienmodelle. Das kostet auf kommunal-, landes- und bundespolitischer Ebene richtig viel Geld – das in Kitas und Schulen oder bei der Förderung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher fehlt. 

Dieser Missstand belastet Familien, aber er ist längst nicht nur für Eltern und ihre Kinder bedeutend. Das macht Klüver in dem Teil ihres Buches klar, den ich persönlich als den stärksten Teil ihrer Argumentation empfinde. Sie geht darin darauf ein, dass eine kinderfreundliche Gesellschaft nicht nur Kindern hilft, sondern vielmehr allen Menschen innerhalb unserer Gesellschaft. 

Kinderfreundlichkeit ist auch für Kinderlose gut

Elternfreundliche Arbeitszeiten und -modelle kommen allen Arbeitnehmer/innen zugute. Eine kinderfreundliche Stadt ist durch viele Grünflächen, kurze Wege und autofreie Zonen auch für Erwachsene lebenswerter. Und die Klage bezüglich einer überalterten Gesellschaft und verödeter Landstriche könnte der Vergangenheit angehören, bekämen Kinder den Stellenwert, der ihnen gebührt. So lange Kinder zu bekommen politisch jedoch mehr oder weniger als Privatsache angesehen wird und der damit verbundene Zeitaufwand sowie die über Jahrzehnte entstehenden Kosten kaum gesellschaftlich aufgefangen werden, wird es immer weniger Kinder geben. Und damit noch weniger Menschen, die Interesse haben, unsere Gesellschaft nachhaltig und auch am Wohl der Jüngsten orientiert, zu gestalten. Ein Teufelskreis. 

Ob es Klüver gelingt, mit ihrem Buch eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen, werden die nächsten Wochen zeigen. Die Grundlage für eine echte Diskussion bietet es jedenfalls. Unter anderem durch zehn konkrete Schritte für mehr Kinderfreundlichkeit, die die Autorin am Ende ihres Buches als eine Art Manifest versammelt. Dazu gehört die Verankerung von Kinderrechten als vorrangig im Grundgesetz und das Wahlrecht ab 16 ebenso, wie die Forderung, Straßenverkehr und öffentlichen Raum kindgerecht zu gestalten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu verbessern und Kinderarmut noch viel entschlossener zu bekämpfen. 

Deutschlands Kinderfeindlichkeit lohnt sich noch immer. Leider.

Was mir persönlich allerdings nicht scharf genug formuliert ist: all diese Ungerechtigkeiten verändern sich ja nicht zufällig nicht, sondern weil ihnen ganz konkret wirtschaftliche Interessen derjenigen entgegenstehen, die vom aktuellen System profitieren. Es ist einfach noch zu lukrativ, Menschen beruflich zu Vollzeitarbeit zu zwingen und ihnen dabei das „Wegorganisieren“ ihrer Kinder als Privatsache zu überlassen. Es ist nach wie vor offenbar auch im Interesse vieler, vieler traditionell aufgestellter und oft kinderloser Paare, das Ehegattensplitting nicht abzuschaffen, das Alleinerziehende und Eltern ohne Trauschein steuerlich massiv benachteiligt. Und solange sich Kliniken und zum Teil sogar Bildungseinrichtungen politisch gewollt nach wirtschaftlichen Interessen ausrichten müssen, wird sich an der Situation der Krankenpfleger/innen und Erzieher/innen auch nichts gravierend ändern. Auch wenn eigentlich mehr als klar ist, dass auch wir Erwachsenen mittleren Alters an Veränderung interessiert sein sollten! 

Eine Gesellschaft, die bereits jetzt massive Umbrüche bewältigen und Krisen meistern muss und dabei demokratisch stabil bleiben will, braucht Menschen, die ihre Zukunft noch vor sich haben. Kinder sind kein Luxus, sie sind die Essenz einer Gesellschaft, die überhaupt eine Zukunft haben möchte. Insofern können wir uns Kinderfeindlichkeit eigentlich gar nicht leisten. Nur leider ist sie heute – zum Teil auch politisch gewollt – einfach noch zu lukrativ. Das wirklich klar zu benennen und zu kritisieren ist neben der Analyse dessen, was in Deutschland gerade schief läuft, meiner Meinung nach essentiell. Nathalie Klüvers Buch ist ein erster Schritt dazu. Bei der Analyse und dem Appell allein darf es aber nicht bleiben. 

Nachdenkliche Grüße, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Nathalie Klüver: „Deutschland, ein kinderfeindliches Land? Worunter Familien leiden und was sich ändern muss“, Kösel-Verlag, 18,00€ (ISBN: 978-3-466-37291-1).

Ab 17.09.22: Blogreihe „Neue Wege für eine familienfreundliche Gesellschaft“

P.S. Ab 17.09.2022 startet auf mutter-und-sohn.blog meine dreiteilige Reihe „Neue Wege für eine familienfreundliche Gesellschaft“, in der ich mir ganz ähnliche Fragen stelle wie Nathalie Klüver in ihrem Buch. Außerdem kommen dabei Menschen zu Wort, die Veränderung bereits konkret angehen. Lesen, teilen, weitersagen: Ab 17.09.2022 auf mutter-und-sohn.blog!

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf mutter-und-sohn.blog.

[Foto: privat. Ich danke dem Verlag für das zu Verfügung gestellte Rezensionsexemplar Der Beitrag gibt dennoch ausschließlich meine persönliche Meinung wieder.]

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