Familie, Psychologie

„Jetzt stell dich nicht so an!“ Eltern-Bullshit-Sätze und was sie mit unseren Kindern machen

Grafik eines abgebissenen Apfels, der traurig schaut. Sarah Zöllner „Eltern-Bullshit-Sätze und was sie mit unseren Kindern machen“


„Jetzt stell dich nicht so an!“, „Das bisschen Sport hat noch keinem geschadet“, „Indianer kennen keinen Schmerz“. Ganz sicher, dass ihr solche Sätze nicht schon zu euren Kindern gesagt – oder zumindest in ihrer Anwesenheit gedacht – habt? Wenn sie quengeln, jammern, einfach zu nichts Lust haben oder von allem genug? Wenn sie euch schlicht mit ihren Gefühlen und ihrem Verhalten auf die Nerven gehen. Soll ja vorkommen. Warum es trotzdem keine gute Idee ist, wenn wir unseren Kindern in solchen Situationen mit der „Stell dich nicht so an“- Keule entgegentreten, schreibe ich hier. 

Gefühle wollen gesehen werden

Eigentlich können wir es uns schon denken: Dein Chef war ein richtiger A… heute. Du erzählst deinem Partner nach deinem Arbeitstag davon, redest dich in Wut. Sein trockener Kommentar: „Stell dich nicht so an!“ Fühlt sich nicht gut an, nicht wahr? Du kommst dir nicht ernst genommen vor. Genauso wenig, wenn du dich an der Tischkante gestoßen hast und – vielleicht etwas zu theatralisch – aufschreist. „Reiß dich zusammen“ als Reaktion? Bewirkt sicher nicht, dass du dich besser fühlst. Eher das Gegenteil.

Warum sprechen wir dennoch manchmal so herzlos mit unseren Kindern? Weil so mit uns gesprochen wurde? Weil wir uns selbst innerlich befehlen, uns nicht „anzustellen“? Weil wir keine Kapazität für den Schmerz unserer Kinder haben, da uns unser eigenes Leben zu sehr beschäftigt? 

Eigene Grenzen klar kommunizieren

Letzteres mag sogar legitim sein, erst recht, wenn das Gejammer und Genöle groß, der Anlass aber tatsächlich nicht überwältigend schrecklich ist (wobei auch hier die Bewertung der Situation von der jeweiligen Perspektive abhängt). Jedenfalls kann der Unmut unserer Kinder auch bei uns eine Grenze berühren – und dann können wir durchaus sagen: „Ich verstehe, dass dich das ärgert, aber bitte schrei mich nicht so an!“ oder „Dein Genörgel nervt mich gerade!“

Der große Unterschied zu „Stell dich nicht an“, „Das hat noch keinem geschadet“ oder „Sei nicht so zimperlich“: wir sprechen dabei von UNS und unseren Grenzen und erheben uns nicht im Namen einer angeblich allgemeingültigen Wahrheit („So verhält man sich nicht“) über die Gefühle unserer Kinder. Die eigenen Grenzen zu vertreten sehe ich als wichtigen Teil einer emphatischen Beziehung – und Erziehung – an. Meiner Meinung nach ist dies auch etwas anderes, als wenn ich meinem Kind vermeintlich gesellschaftlich etablierte Grenzen („Mit den Händen isst man nicht“, „Jungs zeigen keinen Schmerz“, „Zu Erwachsenen hat ein Kind höflich zu sein“) vorgebe. 

Der Wert einer Beziehung auf Augenhöhe

Klar, es ist auch anstrengend, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, zu vertreten und vor allem den Unmut, den dies wiederum bei unseren Kindern erzeugen kann, auszuhalten. Auch wenn ich authentisch für mich und meine Werte und Grenzen eintrete, schränke ich mein Kind dadurch gegebenenfalls in seiner Autonomie ein. Das wird ihm nicht gefallen. Dann wieder den Ärger meines Kindes auszuhalten und ihn ohne Distanzierung und Abwertung („Jetzt stell dich nicht so an“) zu begleiten, kostet Kraft. Wenn viele weitere Faktoren dazukommen wie länger andauernde Schlaflosigkeit, weitere Kinder mit ihren Bedürfnissen und eventuell noch Spannungen in der Partnerschaft, finde ich den Reflex nur zu verständlich, sich die Gefühle unseres Kindes durch Sätze wie die oben genannten „vom Leib halten“ zu wollen. 

Sinnvoll – und erst recht liebevoll und „fair“ im Sinne einer gleichwertigen Beziehung – ist es aber nicht. Eher sollte ich mir selbst Hilfe holen, z.B. bei der Organisation und Bewältigung des Alltags, um wieder mit mehr Kraft in den Kontakt zu meinem Kind gehen zu können. 

Auf Empfang gehen statt dicht zu machen

Oder, falls meine Reaktion gar keine Frage der Ressourcen ist und ich durch eigene Prägung tatsächlich der Meinung bin, mein Kind habe seine Gefühle anderweitig zu regulieren – kann ich an mir arbeiten und ihm mit besserem Vorbild, als ich es hatte, vorangehen. Indem ich ihm zeige, dass negative Gefühle nichts sind, was man wahlweise fürchten oder hemmungslos ausagieren muss. Indem ich es frage, was es gerade so nervt, anstrengt oder wütend macht. Indem ich – bildlich gesprochen – innerlich ganz auf Empfang gehe, statt mit pauschaler Wertung die Schotten dicht zu machen. 

Wetten, dann stellt sich mein Kind bald schon nicht mehr an, sondern tritt dankbar mit mir in Beziehung? Fröhlich, offen, neugierig – oder auch wütend, überfordert und für den Moment tieftraurig. Vielleicht nicht einfacher auszuhalten als die stille Wut, die auf eine distanzierende Bewertung meinerseits folgte. Aber sicher der bessere Weg um zu erreichen, was ich lautstark fordere: dass mein Kind zu einer starken Persönlichkeit wird, die nicht jede Kleinigkeit umhaut. Über Liebe und Empathie erreiche ich das wahrscheinlich sogar, über Distanzierung und Bewertung eher nicht.

Herzlichen Gruß, Sarah Zöllner

Dieser Beitrag erschien zuerst auf mutter-und-sohn.blog.

[Foto: Pixabay]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s